Herr Faude, zum Mühlenwegmuseum im Bahnhof Allensbach haben Sie als Verleger des Monogolei-Reisenden, Schriftstellers und Malers Fritz Mühlenweg (1898-1961) seit 2008 das inhaltliche Konzept erarbeitet. Sehen wir im Museum auch Spuren, die ausser zum Libelle Verlag in Lengwil sonst noch in die Schweiz führen?
Ekkehard Faude: Die Spuren in die Schweiz sind bei Mühlenweg ganz entsprechend der historischen Veränderungen zu finden. Wer sich nicht von nationalistischer Ideologie beeinflussen lässt oder von kleinkariertem Kantönligeist, für den ist der Bodensee offen nach allen Himmelsrichtungen. In seiner Kindheit und Jugend war die Schweiz für den Skifahrer und Wanderer Mühlenweg eine schöne Nachbarregion, sein Grossvater hatte noch in Kreuzlingen und Konstanz zugleich ein Geschäft gegründet. Die Grenze zum Thurgau spielte bis 1914 kaum eine Rolle, die deutschsprachige Schweiz war sowieso extrem deutschfreundlich. Mühlenweg hat in den 20er-Jahren auf dem Säntis beim Wetterwart Silvester gefeiert, seine Bruchoperation liess er in Münsterlingen operieren, und er hätte 1932 gern eine Steckbornerin geheiratet - die spätere Mutter der Autorin Marianne Ulrich. Im Februar 1948 hat er erlebt, dass die Schweizer Zöllner eine alte französische Freundin, die aus der Normandie angereist war, nicht passieren liessen: beide konnten sich nur entfernt über den Grenzzaun zuwinken. Er selber brauchte in jener Zeit ja noch ein eigens beantragtes Tagesvisum, wenn er nach Kreuzlingen wollte: an eine dortige Adresse schickten ihm ein schwedischer Expeditionsfreund Care-Pakte. Das Foto, auf dem sich Mühlenweg und Max Frisch anschauen, als sie im März 1955 in Braunschweig mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurden, zeigen wir gross an der Wand des Literaturraums. Aus dem Treffen wurde keine Begegnung, aber wir können Frischs Widmungsexemplar vom "Stiller" zeigen, das er nach Allensbach geschickt hat. Mühlenweg bekam damals den einzigen Jugendbuch-Preis, Frisch seinen ersten Literaturpreis in Deutschland und begann dank seinem deutschen Verlag eine Weltkarriere. Mein Schwager Paul Röthenmund, ein Berner, hat Mühlenweg 1955 erlebt, als in Bern eine ganze Buchwoche nur um den Autor Fritz Mühlenweg organisiert wurde, mit täglichen Lesungen, Vorträgen und Empfängen.
Das neue Museum gehört zu einer Reihe von deutschen Literaturmuseen. Wäre da nicht eine Verbindung zum Bodman-Literaturhaus in Gottlieben möglich? Zum Beispiel auf einer Verlängerung des literarischen Radwegs Baden-Württenbergs hinüber ans Schweizer Ufer des Untersees?
Ekkehard Faude: Radwege! Da bin ich überfragt, das überlasse ich gern den Organisatoren des Kulturtourismus. Man darf sich da auch von der Obsession der Literatur lösen: Es gibt Radwege rund um den See, das ist auch ohne Bücher schön. Eine inhaltliche Vernetzung quer über den See versucht das Bodman-Haus ja gerade am Donnerstag dieser Woche, wenn es um die Verbindungen zwischen Alfred Huggenberger und Otto Marquard in Allensbach geht. Ich bin da gespannt, denn über eine Verbindung der beiden Allensbacher Maler Marquard und Mühlenweg ist seltsamerweise nichts bekannt.
In Ihrem Museumsblog erwähnen Sie Kuriositäten und den „Drift“ in die weite Welt, den die Werke Mühlenwegs bestimmt noch weiter erfahren würden. Hat das eine mit dem anderen allenfalls etwas zu tun?
Ekkehard Faude: Wir richten da eine kleine Vitrine "Mühlenweg nach 2000" ein, in der unter anderem die italienische Übersetzung seiner Erzählungen, die mongolische Ausgabe seines Kinderbuchs "Der Familienausflug" und eine Webseite der BBC über den All-Age-Autor Mühlenweg zu sehen sind, wie sie kein deutschsprachiges Lexikon geschafft hat. Dass er weit über Europa hinaus Wirkungen hat, bekam ich neulich durch ein rührendes Geschenk aus den USA zu sehen: Eine Geographie-Magisterarbeit von Brad Houk, die eine Fahrradfahrt von Peking in Richtung Urumtschi zum Inhalt hat; der Verfasser machte sich, inspiriert durch Mühlenwegs Roman ("Big Tiger and Christian"), mit einem Freund auf die Strecke, die Mühlenwegs Romanfiguren zurücklegen. (ho)
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Ekkehard Faude zu seiner Faszination
„Am meisten haben mich natürlich die Spuren der Mongolei und Chinas bei Mühlenweg interessiert. Das ist auf unterschiedlichen Ebenen in drei Räumen zu sehen. Es geht um einen Autor, der ja eben auf eigene Faust eine Kulturvermittlung Asien-Europa versucht hat, nachdem er jahrelang in der Mongolei gearbeitet hatte. Als Hitler zum Krieg rüstete, übersetzte er Gedichte aus der ältesten Liedersammlung Chinas mit der expliziten Botschaft: Wir wissen zu wenig von dieser uralten und differenzierten Kultur. Und als der Krieg vorbei war, schrieb er eben keinen Roman, der in einem zerstörten und besetzten Deutschland spielte, sondern entwickelte von seinem engen Haus in Allensbach aus ein Road-Movie, das in der Mongolei spielte und die Achtsamkeit, die ganz andere Einstellung zu Zeit und Vergangenheit sowie die fremdenfreundliche Lebenseinstellung der Nomaden herüberbrachte zu Lesern, die die Verhetzungen der Nazis erst wieder verlernen mussten.“
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● Die Werke Fritz Mühlenwegs bei Libelle
● Mühlenwegmuseum: Eine literarische Ausstelllung
● Den Blog von Ekkehard Faude über Fritz Mühlenweg finden Sie hier: http://libelle.ch/apps/wordpress/
● Alfreld Huggenberger und Otto Marquard, Bodmanhaus, 21. Juni
● Wie die Museumseröffnung verlief und Ekkehard Faudes Rede lesen Sie bitte hier.
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