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Kulturgespräch im Mai 2013

«Jede Zeit hat ihren Teufel»

Gotthelfs «Schwarze Spinne» im See-Burgtheater

07.07.2010

Pfarrer Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf (1797 bis 1854), veröffentlichte «Die Schwarze Spinne» erstmals 1842 in der Sammlung «Bilder und Sagen aus der Schweiz». Regisseur Leopold Huber führt die Erzählung mit dem See-Burgtheater als «Schwarzes Musical» auf. Es sei eine Geschichte über Angst und Lust, die Gotthelf durchaus genüsslich beschrieben habe. 

 

Herr Huber, am 22. Juli ist Premiere - wie ist die Stimmung bei den Proben?
Leopold Huber: Sehr gut, und zwar sowohl beim Ensemble, bei den Musikern als auch beim Chor. Allerdings nennen mich die Sänger bereits einen Bauernschinder.

Das ist ein starkes Stück. Warum gerade die Sänger?
Huber: Sie stellen Gotthelfs Bauern dar und leiden wie wir alle extrem unter der Hitze.

A propos Premiere. Auf dem Zürcher Irchel werden eine Woche nach dem Start in Kreuzlingen die Buchemer Freilichtspiele ebenfalls mit der «Schwarzen Spinne» eröffnet. Dort sind bereits 9000 Sitzplätze reserviert. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Huber: Das ist super. Bei uns läuft es noch nicht so wild. Aber der Vorverkauf ist angelaufen. Vier Vorstellungen sind bereits ausgebucht.

Was unterscheidet Ihre Inszenierung von jener im Kanton Zürich? Hatten Sie Kontakt?
Huber: Nein, ich habe keine Ahnung, was die machen. Wahrscheinlich Bauerntheater mit Ross und Wagen.

Und das gibt es bei Ihnen trotz der Bauernschinderei nicht zu sehen?
Huber: Nein. Unsere Inszenierung ist stilisierter, parabelhafter. Wir zeigen sozusagen ein Schwarzes Musical.

Damit liegen Sie ja voll im Trend. Der Teufelskuss in der «Schwarzen Spinne» hat ja auch etwas Vampirhaftes. Am zweiten Tag Ihrer Spielzeit zeigt das Open Air Kino gleich nebenan im Seeburgpark den Film The Twilight Saga 3, im «Stern» führt ebenfalls eine Vampirgeschichte die Belletristik-Bestsellerliste an. Man spricht von einer modernen Kultur der Untoten. War das bei der Stückwahl relevant für Sie?
Huber: Ja. Das sind alles Stoffe, die mit der Angstlust spielen. Der Teufelskuss bei Gotthelf ist ja im Prinzip dasselbe wie ein Vampirbiss oder ein Geschlechtsakt. Es geht um etwas Sexuelles, das da ist über die Verdrängung. 

Das Sexuelle würde ich jetzt aber bei Gotthelf nicht überbewerten.
Huber: Dann sagen wir es so: Vampire sind nichts anderes als die dunkle Seite in uns. Es ist unsere grosse Kulturleistung, hier den Deckel drauf zu halten. Das war schon immer so.

Wissen Sie das aus eigener Erfahrung?
Huber: Ja. Ich komme aus einer archaischen, erzkatholischen Gegend im Böhmerwald, voll mit dunklen Geschichten bis unter die Hutschnur. Alles was mir mein Vater erzählte, waren immer Abreaktionsgeschichten, deren Verarbeitung eben Angst oder Lust erzeugte. Gotthelf hat das genüsslich beschrieben. Sein Teufel zum Beispiel ist sehr humorvoll.

Wir haben von den Vampirgeschichten gesprochen. Gibt es noch andere Folien, die für Sie wichtig waren? Zum Beispiel der Film von Mark M. Rissi (1983) oder die Oper von Heinrich Sutermeister (1936)?
Huber: Ja, da gibt es noch den Film aus dem Jahr 1983 von Werner Düggelin, bei dem unsere Schauspielerinnen Astrid Keller und Agnes Fink mitgespielt haben. Aber ich habe mich von keinen Vorbildern leiten lassen. Ich stütze mich nur auf die Novelle und auf das, was sie bei mir in Bewegung bringt.

Und das wäre?
Huber: Eben das Ausgraben des Schattens und unserer dunklen Seiten. Inhaltlich interessiert mich an der Parabel, dass eine Dorfgemeinschaft unter Terroreinwirkung alles verleugnet, was Menschlichkeit bedeutet. Sie geben dem Teufel ein unschuldiges Kind her, was man ihnen nicht einmal vorwerfen kann.

Als Parabel verstanden hat die Geschichte eine auch zeitlose Bedeutung.
Huber: Ja. Jede Zeit hat ihren Teufel. Das gilt für die Nazis wie auch für die heutigen Spekulanten und die von ihnen angefachte Gier, die bis in jeden Sparbüchlibesitzer vorgedrungen ist. Dabei brechen Moral und Ethik zusammen. Wegschauen ist angesagt.

Herr Huber, Gotthelf schrieb diese Parabel in Prosa. Wie schreibt man eigentlich Prosa in Theatersprache um? Wieviel künstlerische Freiheit haben Sie sich dabei erlaubt? 
Huber: Grundsätzlich habe ich Gotthelfs kraftvolle und für uns heute fremdartige Sprache belassen. Sie wirkt ja fast schon wie eine Kunstsprache.

Und das funktioniert auch für die Zuhörer?
Huber: Das funktioniert. Aber natürlich habe ich, wie es meine Art ist, etwas Aktualität einfliessen lassen.

Aktualität aus dem Thurgau?
Huber: Nein. Ich habe eher SVPisiert. In der «Schwarzen Spinne» ist alles drin, was mit Fremdenfeindlichkeit zu tun hat. Gotthelf hat sie gegeisselt. Die Christine ist eine Fremde von Lindau. Sie ist ein Mobbingopfer, weil sie mutig ist. Und der Auslöser des ganzen Dramas, Hans von Stoffeln, ist ebenfalls ein Deutscher. Die Schweizer Zuschauer werden sich da natürlich Fragen zu ihrer eigenen Haltung gegenüber den Deutschen stellen. Das ist doch gut, dass das grad so passt.

Weniger passend werden hoffentlich während der Spielzeit die Wetterverhältnisse sein. Gotthelf untermalt die Ereignisse ja mit gewaltigen Gewittern. Wie zeigen Sie das?
Huber: Blitz und Donner kann man, wenn man in der echten Natur spielt wie wir, nicht einfach ein bisschen nachmachen. In der «Schwarzen Spinne» verweisen die Gewitter auf den Tod. Goran Kovacevic hat für uns die «Todesfuge» von Celan vertont. Der Chor tritt mit schwarzen Eimern auf. Diese KZ-Assoziationen sind zwar heikel. Aber es funktioniert über die Musik. 

Herr Huber, das lässt einen schaudern!
Huber: Denken Sie an Kafkas Käfer Gregor. Der wird so gross, dass er nicht mehr aus seinem Zimmer kann. Und am Schluss trägt ihn der Vater auf einer Schaufel fort. So ist es auch mit der Figur Christine, die sich in die Spinne verwandelt. Sie hat eine Psychose. Und es ist die Psychose einer ganzen Gesellschaft, bei der sich der innere Wahnsinn nach aussen stülpt. 

Haben Sie für die Zuschauer einen Psychiater in Reserve?
Huber: Nein, dafür bin dann eh ich da. Sollte jemand einen Psychiater brauchen, erzähl ich ihm eine ausgleichende Anti-Geschichte.

Zurück zu Gotthelfs Vorgabe: Sie besteht aus einer dreiteiligen Rahmenerzählung und einer zweiteiligen Sage in einem Zeithorizont von 600 Jahren. Gemäss Theaterprospekt reduzieren Sie den Inhalt auf den ersten Sagenteil, in dem die Spinne erstmals in den Bystel, den schwarzen Fensterposten, gesperrt wird. Verzichten Sie damit nicht auf die Möglichkeit, den Stoff aus seiner Zeit heraus zu aktualisieren?
Huber: Wir verzichten nicht auf die Rahmengeschichte. Unsere Aufführung beginnt mit einer heutigen Taufe. Die Gäste kommen mit dem Auto, einige sind im Stau stecken geblieben. Wir sind also in der Jetztzeit und stellen die Historie mittels Sprache und Kostümen dar. Die Bilder erzeugen wir mit dem Chor und der Choreografie.

Hat Ihr Chor die gleiche Funktion wie in einer griechischen Tragödie?
Huber: Er hat die Funktion einer Dorfgemeinschaft. Aber vom Stil her ist er schon so wie in einer griechischen Tragödie. Nur lustiger. Denn das Tragische kommt ja erst dann richtig zum Tragen, wenn es auch sein Gegenteil gibt. 

Ein griechischer Chor mahnt zur Vernunft. Pfarrer Alfred Bitzius alias Gotthelf ist für heutige Ohren manchmal fast unerträglich moralisierend. Haben Sie den Mahnfinger des christlichen Gottes belassen oder führen Sie eine neue ethische Instanz ein?
Huber: Die Geschichte selber ist insofern belehrend als sie sagt: Schaut, so weit kommt ihr, wenn ihr Terror ausübt oder euch nicht gegen Terror wehrt. Insofern will Gotthelf die Welt verbessern, und das ist sehr ehrenhaft. Was mir allerdings weniger schmeckt, sind die Glaubensdogmen. Die lass ich denn auch weg. Der Humanismus genügt mir vollauf. 

Und was ist Ihre persönliche Moral von der Geschicht?
Huber: Die hab ich unbedingt: Gier macht die Welt kaputt, egal nach was die Gier steht.

Interview: Brigitta Hochuli

> «Die Schwarze Spinne» nach Jeremias Gotthelf von Leopold Huber, 22. Juli bis 22. August, jeweils 20 Uhr im Seeburgpark Kreuzlingen. Details siehe Agenda.

 

 

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